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Am Nachmittag ist es dann endlich soweit. Bei Idodi muss irgendwo eine
kleine Piste abgehen, die nach Kitandililo führt. Da meine Karte von
Tansania nicht gerade die Genaueste ist, frage ich mich bei den
Einheimischen durch. Sie lotsen mich zur richtigen Stelle, wo ich in den
Busch abtauchen kann. Ich fühle mich wie in eine andere Welt versetzt.
Ich fahre durch kargen, wilden Busch mit vielen Akazien. Der Sand unter
meinen Reifen knistert. Etwa zwanzig Kilometer Erdpiste liegen vor mir.
Hin und wieder fahre ich an kleinen Maisanbaugebieten und Strohhütten
vorbei. Hier gibt es weder Strom noch eine Wasserleitung, keine
Verdienstmöglichkeiten außer dem Feldertrag, der zudem nur eingefahren
werden kann, wenn die Regenzeit mitspielt. Ansonsten ist die Not
vorprogrammiert: Kein Geld für die Schule, für Lampenöl und Salz zum
Kochen. Man kann sich kaum vorstellen, dass hier Menschen leben.
Einige Kinder kommen mir entgegen. Ich nehme
mir vor, mir einen Spaß mit ihnen zu erlauben. Ich trete voll in die
Pedalen und versuche, möglichst geschockt und gehetzt auszusehen.
„Simba! Simba!“, schreie ich laut und
zeige mit dem Zeigefinger in die Richtung aus der ich gekommen bin. Simba
heißt Löwe auf Kisuaheli. Die Kinder kriegen ganz große Augen und
einige von ihnen nehmen sofort die Beine in die Hand.
Nach etwa zwei Stunden biege ich auf eine
noch kleinere Piste ab, die mich in das kleine Dorf Kitandililo führt.
Dort frage ich mich bis zum Krankenrevier weiter und werde endlich von Dr.
Mgaya begrüßt. Er ist sehr überrascht, dass ich so früh aufgekreuzt
bin. Er hat mich gegen Ende des Monats erwartet, und heute ist erst der
Zwölfte. Eigentlich wollte ich mich telefonisch ankündigen, was mir aber
nicht möglich war. Trotzdem ist die Freude groß. Mein Rad wird zunächst
in die Freiluftküche geschoben. Im Haus stellt er mir seine zwei Töchter
und seine Frau vor, die mir den drei Wochen alten Sohn zeigt. Süßes
Baby. Eine komische Situation, da er schon seit Beginn meiner Reise auf
mich unbekannten Radfahrer gewartet hat und nur aus Friedemanns
Erzählungen von mir wusste. Wir sind beide etwas verlegen und plaudern
über meine Radtour und die Krankenstation.
Doch wie komme ich zu der Ehre und wer ist
eigentlich Friedemann? Es war einige Monate bevor ich auf meine große
Reise ging. Ich habe einige Dinge bei Ebay verscherbelt und wurde eines
Tages von Friedemann angemailt. Er erzählte mir von dem Projekt
Kitandililo, ich erzählte ihm von meiner geplanten Fahrradtour. So kamen
wir ins Gespräch. Und irgendwann kam Friedemann auf die tolle Idee, ich
könne ja, wo ich ja auch Tansania in meine Reiseroute einbezogen habe,
einen Abstecher nach Kitandililo machen. Ich war sofort begeistert und
nahm mir fest vor, diesen Ort zu besuchen, von dem ich vorher noch nie
etwas gehört hatte. Ich wusste aber, dass sich die Krankenstation
Kitandililo im Bezirk Makambako in der südlichen Diözese befindet und
rund viertausend Einwohner hat. Und auch von dem dortigen Projekt habe ich
schon gehört.
Friedemann begann, den Menschen dort von mir
und meinen Plänen zu berichten. Es herrschte reger Briefkontakt. Die
Leute konnten es kaum erwarten, mich zu empfangen. So wie ich es kaum
erwarten konnte, sie zu sehen. Doch vorher sollten noch zehn Monate und
knapp elftausend Kilometer vergehen.
Hosiana Mgaya sitzt wie auf heißen Kohlen.
Er kann es kaum erwarten, mir sein Krankenrevier zu zeigen. Darauf ist er
unendlich stolz. Und ich bin sehr neugierig.
Es ist Sonntag und auf dem Gelände ist
nicht viel los. Einige Notfälle, bei denen sich Menschen bei der
Feldarbeit verletzt haben. Ein junger Mann sitzt an einem Tisch und lässt
sich von einer der zwei Krankenschwestern, die es hier gibt, aufnehmen.
Malaria!
Mir wird alles gezeigt in dem mittelgroßen
Komplex. Rezeption zur Aufnahme von Patienten und Patientenakten, Labor
mit Handzentrifuge und Mikroskop, Behandlungsraum mit ausgedienten
Zahnarztstühlen, Patientenliegen und einem kargen Medikamentenschrank
Sogar eine im Bau befindliche Bettenstation
mit getrennten Räumen für Jungen und Mädchen gibt es hier. Jeweils etwa
sechs bis acht Betten. Ich bin beeindruckt und Hosiana gerät geradezu ins
Schwärmen. Er zeigt sich unendlich dankbar für dass, was die Gemeinde in
Ismaning hier bewirkt hat. Es ist zwar alles noch etwas spartanisch und es
fehlt noch an vielen Materialien, aber die Einrichtung ist jetzt schon
äußerst effektiv. An Stillstand ist hier noch lange nicht zu denken.
Am 8. November 1993 wurde diese
hoffnungsvolle Krankenstation Kitandililo gegründet und dann von den
Dorfbewohnern mit Hilfe der Partnerschaft mit der evangelisch-lutherischen
Kirche in Ismaning errichtet. Und wie sah es vor dieser Zeit aus? Ohne
diese Krankenstation? Es gab große Probleme mit der Versorgung von
Kranken. Menschen, die sich einer ärztlichen Behandlung unterziehen
wollten, mussten auch bei noch so kleinen Krankheiten eine lange Reise auf
sich nehmen. Da waren Fußmärsche von über dreißig Kilometern keine
Seltenheit. Natürlich galt das auch für Kinder und Schwangere. Nachdem
die Dorfbewohner lange Zeit darunter gelitten hatten, beschlossen sie,
ihre eigene Krankenstation zu bauen. Diese Entscheidung kommt ihnen heute
zu Gute. Das Leistungsangebot der Krankenstation ist durchaus vorzeigbar:
von der Geburtshilfe bis zum zahnärztlichen Notdienst.
Später darf ich Hosiana Mgaya sogar beim
Extrahieren eines unteren, rechten Weisheitszahnes assistieren, der so
verlagert ist, dass die Patientin diesen kaum putzen konnte. Er legt sich
ein kleines Steri zurecht, so nennt man die kleine Box mit den
sterilisierten Instrumenten. Eine junge Frau kommt herein. Erstaunlich.
Sie hat keine Angst. Sie sieht sehr gelassen aus. Oder sie kann es nur gut
verbergen? Sie setzt sich in den verschlissenen Zahnarztstuhl und ich darf
in ihren Mund schauen. Was sie wohl über mich denkt? Meine vom Staub der
Piste verdreckten Klamotten, die langen, verfilzten Haare und dann dieser
Mundschutz. Ich muss einfach nur komisch aussehen. Ihre Zähne sind in
einem erstaunlich guten Zustand. Keine Füllungen, keine Zahnlücken. Das
macht die Ernährung. Diese auf dem Land lebenden Menschen essen oft das,
was sie auf dem Feld anbauen und da spielt Zucker nur eine untergeordnete
Rolle. Und wo wenig Zucker gegessen wird, gibt es auch wenig Karies.
Nachdem die Anästhesie angeschlagen hat, renkt Hosiana den zerstörten
Zahn mit gekonnten Griffen und einem Hebel aus und zieht ihn mit der Zange
heraus. Auf die blutende Wunde kommt noch ein Tupfer. Fertig. Eine saubere
Leistung. Ich gratuliere ihm. Wie gern hätte ich da auch Hand angelegt.
Aber dazu werde ich nach meiner Reise genug Gelegenheit bekommen. Bevor
ich den anderen Mitgliedern dieser Gemeinde vorgestellt werde, zeigt mir
Hosiana noch den Brunnen und den neuen Stromgenerator, für den es einen
speziellen Raum gibt. Zur Station gehört sogar eine Solaranlage, die am
Tage Licht spendet. Der Generator sorgt dann dafür, dass es abends hell
ist.
Das Gelände des Krankenreviers ist voller
Pflanzen und liegt inmitten üppiger Maisfelder. Auch die angenehme und
entspannende Ruhe fällt auf. Aber vielleicht sieht es ja am morgigen
Montag anders aus. Ich werde es erleben.
Beim Pfarrhaus lerne ich dann endlich den
Rest der Truppe kennen. Sie empfangen mich sehr herzlich und zeigen mir
zunächst die Kirche, die fast fertiggestellt ist. Später setzen wir uns
im Hof vor dem Pfarrhaus zusammen und plaudern über meine Abenteuer. Sie
brennen darauf zu erfahren, wie es denn nun genau war mit den Steine
werfenden Kindern in Äthiopien und dem Raubüberfall in Nairobi.
Begleitet von lautem Gelächter schildere ich ihnen nochmal genau, was so
alles passiert ist. Vor allen Dingen die Story mit dem Pfefferspray hat es
ihnen angetan. Friedemann hat wirklich gute Vorarbeit geleistet. Ich bin
überrascht. Sie sind super informiert. Mr. Kihombo, der Schatzmeister,
und Mr. Chatanda, der Pfarrer, sind äußerst nette Kerle. Auf die Frage,
ob ich einen besonderen Essenswunsch habe, antworte ich, dass ich alles
außer Schweinefleisch esse. Also Huhn, sagt Kihombo. Kurze Zeit später
wird eines aus dem Gehege geholt und zum Schlachten in den Hinterhof
gebracht. Mein Protest hilft da auch nichts mehr. Ich bin hiermit zum
indirekten Hühnermörder avanciert. Ich könnte mich verfluchen. Aber das
Dinner ist dennoch äußerst wohlschmeckend. Es gibt jede Menge Reis mit
besagtem Huhn, Bananen zum Nachtisch und dazu mein Lieblingsgetränk
Fanta.
Vor dem Schlafengehen sitze ich noch einige
Zeit mit den Männern zusammen. Einige ältere Herren sind noch
dazugekommen. Alle wollen nochmal eine Gute-Nacht-Geschichte hören. Und
zwar die mit dem Pfefferspray. Haarklein erzähle ich ihnen, wie Hiro und
ich nachts in Nairobi überfallen wurden, und ich uns mit einem gezielten
Pfefferschuss aus dem Schlamassel befreite. Aber das Beste ist, ich kann
beim Pfarrer im Haus übernachten. Und zwar in dem Zimmer, in dem auch
Friedemann mit seiner Frau bei seinem Besuch vor einigen Jahren
übernachtet hat. Eine große Ehre für mich. Friedemann hatte mir schon
von diesem Zimmer geschrieben. Die Wände gehen nicht bis ganz an die
Decke, sondern enden davor. Es ist zugig und der Rauch aus der Küche
zieht durch alle Fugen. Dennoch eine sehr gemütliche Schlafnische.
Ich schlüpfe todmüde in meinen Schlafsack
und schreibe in mein Tagebuch, während das Radio läuft. Eine
schockierende Nachricht auf Deutsche Welle: Eine deutsche Radtouristin
wurde in Cape Maclear in Malawi ausgeraubt und ermordet. Malawi ist das
nächste Land auf meiner Route.
Um sieben Uhr fünfzehn gehe ich ins
Klohäuschen. Es ist aus Lehm und steht etwas vom Haus entfernt.
Friedemann hatte Recht als er meinte, man müsse hier gut im Zielen sein.
Der Pastor kommt gerade aus der Kirche und
zeigt mir das Bad. Es ist ein leerer Raum, wo eine Waschschüssel mit
warmem dampfenden Wasser auf mich wartet. Der pure Genuss. Wann habe ich
das letzte Mal warmes Wasser zum Waschen gehabt?
Am Morgen wird mir der Tagesablauf
überbracht. Es enthält ein dichtes Programm, weil ich ja am nächsten
Tag schon wieder abreisen will. Der Plan sieht vor, dass mir möglichst
viel von dem gezeigt wird, was mit Hilfe der Gemeinde in Ismaning
aufgebaut wurde. Da gibt es einige Zuchtprojekte mit Hühnern,
deren Anzahl von vierzig auf hundert erweitert werden soll, Schweinen und
sogar Fischen in der näheren Umgebung, den erwähnten Generator, der den
Strom liefert, zwei Läden, die Maisplantage und die im Bau befindliche
Kirche.
Vor dem Mittagessen gehen wir ins Dorf und treffen im Village Office den
Bürgermeister, der sich mit mir unterhalten will. Er schildert mir auf
Kisuaheli die deprimierende Lage des Landes und des Dorfes. Kihombo
übersetzt mir alles. Trotz der regelmäßigen Hilfslieferungen aus
Ismaning fehlt es an allen Ecken und Enden. Das Gespräch mit dem
Bürgermeister ist sehr interessant und aufschlussreich. Er hat sich auch
über meine Radtour erkundigt und konnte es kaum glauben, dass jemand aus
Deutschland mit dem Rad zu ihnen kommt.
Der Höhepunkt des Tages sollte am frühen
Nachmittag folgen. Zuerst wird der Vorderreifen nochmal ordentlich
aufgepumpt, dann der Motor angeschmissen. Kihombo sitzt am Steuer,
während ich mich auf dem ungemütlich harten Rücksitz mit Fahrradhelm
einrichte. Dann brausen wir mit dem museumsreifen Moped durch den Busch.
Es ist heiß, doch der Fahrtwind verschafft Abkühlung. Unterwegs kommen
wir an etlichen Rundhütten vorbei. Dann sehe ich plötzlich am Wegesrand
die junge Frau stehen, die in der Station ihren Weisheitszahn gezogen
bekam. Sie winkt mir zu und macht einen Knicks. Ich halte mir fragend die
Hand an die Wange und sie reckt den Daumen hoch. Also geht es ihr gut. Die
Fahrt geht vorbei an etlichen Schlag- und Sandlöchern zu einer mehrere
Kilometer entfernt gelegenen Kaffeeplantage. Eines der vielen Projekte,
worauf die Menschen hier sehr stolz sind. Schon in zwei bis drei Jahren
wird die Plantage soweit sein, dass sie Früchte abwirft. Bis dahin
müssen sie sich noch in Geduld üben.
Auf der Rückfahrt darf ich dann das
Gefährt durch den Busch bugsieren. Es ist ein Heidenspaß, mit
Vollkaracho um die vielen Schlaglöcher herum zu kurven. Kihombo sitzt
mutig auf dem Rücksitz. Das Erlebnis bildet einen krönenden Abschluss
für einen tollen Tag.
Noch ein letzter, abendlicher Besuch in der
Krankenstation, wo ein Junge mit einem Schlangenbiss eingeliefert wurde
und von Hosiana mit Cortison behandelt wird. Sein Unterschenkel ist stark
angeschwollen. Das ist auch kein Wunder. Denn bis seine Eltern mit ihm die
Station erreichen konnten, mussten sie einen Sechs-Stunden-Marsch hinter
sich bringen. Dann geht es zum Abendessen ins Haus des Arztes. Ein
üppiges Abschiedsmahl wird aufgetischt. Es gibt viel Reis mit Sauce,
leckerem Huhn, Spinat und Bananen, die in Stückchen in den Reis
geschnitten werden. Die Männer versammeln sich um mich herum und wollen
wieder von meinen Abenteuern hören. Es wird viel gelacht. Dann kommt es
zu einer rührenden Szene. Hosiana hat eine Rede für mich geschrieben.
Drei Seiten lang. Er stellt sich vor uns auf. Man merkt ihm deutlich die
Aufregung an. Er liest auf Kisuaheli, während ich die englische
Übersetzung auf den Zetteln lesen kann. In der netten und herzlichen Rede
spricht er nochmal die Situation in Kitandililo, die Partnerschaft zu der
Gemeinde in Ismaning und meinen Besuch an.
Als er fertig ist, beginne ich zu klatschen.
Die anderen tun es mir nach. Ich schüttle ihm die Hand und werde
irgendwie das Gefühl nicht los, nun auch eine Rede halten zu müssen.
Also trete ich anstelle des Arztes vor und wirke nicht minder nervös.
Aber ich kriege noch ein paar Sätze zusammen, während Hosiana für die
älteren Männer, die kein Englisch verstehen, übersetzt.
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